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Central Banking · Independent Analysis

EZB-Vize Vujčić: Einfachere Bankenregeln statt schwächeres Kapital sind der Schlüssel zur EU-Wettbewerbsfähigkeit

EZB-Vize Boris Vujčić argumentiert, dass die Straffung der EU-Bankenregulierung und die Vertiefung des Binnenmarkts für die Wettbewerbsfähigkeit wichtiger sind als die Senkung der Kapitalanforderungen.

Quelle: ECB

Auf der Konferenz zum 15-jährigen Bestehen des ESRB in Frankfurt widersprach EZB-Vize Boris Vujčić der lautesten Klage der Branche: Europas Banken sind nicht wettbewerbsunfähig, weil ihre Kapitalregeln zu streng sind. Die Lösung ist Vereinfachung plus echte Finanzintegration – nicht ein breiter Rückbau der Aufsichtsanforderungen.

Kernfakten

Vujčić erinnerte daran, warum das ESRB existiert. Die de-Larosière-Gruppe empfahl 2009 ein makroprudenzielles Gremium auf EU-Ebene, nachdem die globale Finanzkrise und Europas Staatsschuldenkrise gezeigt hatten, wie kostspielig systemische Fehler sind. Er nannte Schätzungen, wonach die mittleren fiskalischen Kosten einer Bankenkrise in fortgeschrittenen Volkswirtschaften bei rund 7 % des BIP liegen – Verluste bei Produktion, Beschäftigung und Investitionen gehen weit darüber hinaus.

Er räumte ein, dass das EU-Rahmenwerk zu kompliziert geworden ist. Der EZB-Rat schlug im vergangenen Jahr vor, den Kapitalstapel zu vereinfachen: Puffer sollen in einen nicht freisetzbaren (Erhaltung plus G-SII/O-SII) und einen freisetzbaren (antizyklisch plus Systemrisiko) zusammengeführt werden. Der Verschuldungsquoten-Stapel soll von vier auf zwei Elemente reduziert werden: eine Mindestquote von 3 % und ein einziger Puffer. Bei der Abwicklung will die EZB MREL und TLAC besser abstimmen, ohne die verfügbaren Mittel zu verringern, und ein einfacheres, konservativ kalibriertes Regime für kleinere Banken. Der Aufsichtsarm stellt rund 40 von über 100 Leitfäden ein.

Zur Evidenz: Der mittlere Tier-1-Quotient im Euroraum hat sich mehr als verdoppelt – von etwa 8 % im Jahr 2009 auf über 16 % heute. Die Eigenkapitalrendite ist seit der Pandemie auf historische Höchststände gestiegen, das durchschnittliche Kurs-Buchwert-Verhältnis liegt nun nahe 1,5 – deutlich über dem langfristigen Median und näher an US-Banken.

Analyse

Vujčićs Kernargument: Widerstandskraft und Wettbewerbsfähigkeit sind Komplemente, keine Zielkonflikte. Die Branche behauptet, Kapitalanforderungen bremsten die Kreditvergabe, deren Senkung stelle die Wettbewerbsfähigkeit wieder her. Er hält entgegen, dass die akademische Literatur gemischt und zustandsabhängig ist: Studien mit negativen Kreditangebotseffekten decken meist die Nachkrisenzeit ab, als Banken durch faule Kredite und schwache interne Kapitalbildung belastet waren.

Diese Unterscheidung ist politisch entscheidend. Wenn Kapitalbeschränkungen am stärksten wirken, wenn Bilanzen bereits fragil sind, ist pauschale Deregulierung der falsche Hebel. Der bessere Hebel ist Komplexität: weniger, klarere Regeln, die dieselbe Verlustabsorptionsfähigkeit zu geringeren Befolgungskosten liefern. Puffer zusammenzulegen und den Verschuldungsstapel zu kürzen ist Vereinfachung, keine Schwächung.

Die Erholung des Kurs-Buchwert-Verhältnisses ist sein stärkstes Argument. Europäische Bankaktien notierten jahrelang unter Buchwert – ein Signal, dass Anleger nachhaltige Renditen bezweifelten. Diese Lücke hat sich seit 2023 verengt, was nahelegt, dass der Markt die stärkere Kapitalposition und die normalisierte Geldpolitik nun anerkennt. Die Unterbewertung war selbst ein Wettbewerbsproblem, weil sie Kapitalerhöhungen verteuerte.

Implikationen

Für Anleger lautet die Botschaft: Die Profitabilität der EU-Banken wird von Widerstandskraft und Zinsnormalisierung getrieben, nicht von erwarteten Kapitalerleichterungen. Ein Vorstoß zur Regelvereinfachung könnte Befolgungskosten senken und die Eigenkapitalrendite leicht heben, dürfte aber kaum als große Senkung der Anforderungen kommen. Zu beobachten ist das legislative Follow-up zur Bankenwettbewerbs-Mitteilung der Kommission.

Politisch ist der Fokus auf den Binnenmarkt das eigentliche Signal. Vujčić argumentiert, Skaleneffekte und Integration trieben die Wettbewerbsfähigkeit stärker als die Kapitalkalibrierung. Bleibt grenzüberschreitende Konsolidierung politisch blockiert, wird Vereinfachung allein die Lücke zu US-Banken nicht schließen. Die 3-%-Verschuldungsquote und zusammengelegte Puffer sind technisch, geben aber die Richtung vor: gleiche Widerstandskraft, weniger Bürokratie, tiefere Integration.

FAQ

Will die EZB die Kapitalanforderungen senken?

Nein. Die Vorschläge zielen auf Komplexität – Puffer zusammenlegen, Verschuldungs- und Abwicklungsrahmen vereinfachen – bei gleichbleibender Widerstandskraft. Vujčić lehnt die Idee, Kapitalsenkung führe zu Wettbewerbsfähigkeit, ausdrücklich ab.

Warum sind EU-Banken laut EZB heute wettbewerbsfähiger?

Die Kapitalquoten haben sich seit 2009 mehr als verdoppelt, die Eigenkapitalrenditen erreichten historische Höchststände, die Kurs-Buchwert-Verhältnisse stiegen auf rund 1,5 – die Bewertungslücke zu US-Peers verengte sich.

Was ist laut EZB der eigentliche Wettbewerbstreiber?

Finanzielle Integration in einem echten Binnenmarkt, die Skaleneffekte ermöglicht. Vujčić sieht Vereinfachung als hilfreich, aber nachrangig gegenüber der Integration.